Wer nach Island kommt, der kommt an Reykjavik nicht vorbei. Für viele ist die Stadt „nur“ der Beginn oder Endpunkt einer Island-Rundreise. Viele andere wählen die Stadt für einen kurzen Besuch im Land als Ausgangspunkt für ihre verschiedenen Tagestouren. Und ja, wenn man sich  länger dort aufhält, zudem selbst noch aus einer großen und lebendigen Stadt kommt, kann die Stadt nach einer gewissen Zeit den Eindruck vermitteln, man hätte alles gesehen. Man ist mit den vielen anderen Reisenden zur Genüge den Laugavegur abgelaufen und die Küstenstraße Sæbraut entlang geschlendert und man ist mit Sicherheit irgendwo dort in der Nähe in irgendein Café eingekehrt. Dabei verdient die Kneipenszene der isländischen Hauptstadt mehr Beachtung. Hier kann man viel Zeit verbringen und viele spannende Menschen treffen.

Nightlife Reykjavik

Im Sommer entdeckte ich den Irish Pub The Dubliner in der  Hafnarstræti 1-3. Warum, um Himmels Willen, sollte man in Island in einen Irish Pub gehen? Wer das will, der fährt gefälligst nach Irland. Da so aber anscheinend sehr viele Reisende denken, Iren ausgenommen, ist dieser Pub also bestens dazu geeignet, mit Einheimischen ins Gespräch zu kommen. Daher meine Empfehlung. Ansonsten: Nette Stimmung, netter Laden, Livemusik – das Bier ist genauso teuer wie überall.

The Dubliner

Wer in gemütlicher Atmosphäre Menschen aus der ganzen Welt treffen möchte, der geht ins Bravó, Laugavegur 22. Das kleine Eck-Café ist immer gut für eine Kaffeepause und bei Touristen ebenso beliebt, wie bei Einheimischen. Je später jedoch der Abend, desto einheimischer die Gäste. Da sitzt man schon mal um Mitternacht mit drei arbeitslosen Isländern dicht gedrängt an einem Tisch, die einem doch wirklich erzählen wollen, dass sie nur hier her gekommen sind, weil hier das Bier so günstig ist. Also günstig, ist für einen Deutschen etwas anderes. Auch das ältere Ehepaar aus Wales, das bereits vor längerer Zeit durch die rote Tür in den Regen entschwunden ist, war nicht begeistert von den Preisen. Zugegeben eine ausgiebigen Kneipentour in Reykjavik muss man sich leisten können oder leisten wollen. In jedem Falle lohnenswert. Viel Platz ist übrigens im Bravó nicht. Ist der Laden also voll, dreht man einfach noch eine Runde und versucht es erneut.

Bravó

Oder man geht stattdessen ins etwas unscheinbare Kaffi Vinyl, Hverfisgata 76 – Bar, Café, Restaurant und Plattenladen in einem. Am Rande sei bemerkt im polnischen Wroclaw gibt es ein Café gleichen Namens, das ein Besuch lohnt. Hier wie dort kommt die Musik von echten Schallplatten, die auf echten Plattentellern rotieren.

Das Kaffi Vinyl ist übrigens das erste Restaurant mit veganer Küche. Wer also einen kleinen Snack braucht, findet hier zu einem fairen Preis etwas, was wirklich satt macht. Und da das Café ein klein wenig ab vom Schluss liegt (Keine Sorge, alles fußläufig. Nichts ist wirklich weit in Reykjavik…), findet sich hier auch immer ein Plätzchen. Gemütlicher finde ich jedoch das polnische Vinyl-Café.

Kaffi Vinyl

Nächster Stopp: Dillon Whiskey Bar. Über 150 verschiedene Whiskysorten, sehr beliebt, sehr voll an Wochenenden, sehr laut, urig und damit der richtige Ort für einen zünftigen Start ins Wochenende. Und bei Touristen sehr, sehr angesagt. Im Obergeschoss ist es vielleicht ein bisschen leerer. Ich vermute jedoch, dass hängt stark von der jeweiligen Band ab, die dort gerade spielt. Von Blues über Rock bis Jazz ist alles dabei. Und bei Jazz bleiben die Isländer im Obergeschoss eher unter sich. Muss wohl am Musikgeschmack der Touristen liegen. Ich kenne zwar den Namen der Band nicht, die dort neulich aufspielte, aber jazzen konnten die drei Jungs vom Feinsten. Da war dann auch der Preis des Bieres egal. Schließlich war die Musik gut und der Eintritt frei. Man hatte ernsthaft den Eindruck, das Publikum war wegen der Musik hier oben und nicht umgekehrt. Ein schöner Abend.

Jazz im Dillon

Zu guter Letzt noch mein Favorit: Die Vitabar, Bergþórugata 21. Hier ist nichts schick. Hier ist nichts schön. Kein Schnick und kein Schnack. Eine einfache, unscheinbare und etwas verlebte Kneipe an der Ecke. Die Getränkeauswahl ist klein und angemessen und die Preise sind deutlich unterhalb derer in der Innenstadt. Hierher kommen nicht viele Touristen. In der einen Ecke wird Karten gespielt an einem anderen Tisch liest jemand beim Bier seine Zeitung. Hier ist das Leben normal und auf den ersten Blick langweilig. Wer also Isländer bei einem Bier treffen will, der ist hier genau richtig. Wer jedoch seine Ruhe haben will, der setzt sich einfach an einen anderen Tisch. Der wirklich Grund aber, warum man in die Vitabar kommen sollte, sind die Burger. Burger sind überhaupt sehr beliebt in Island. Alles handgemacht, alles einfach, schmeckt sehr gut und macht satt. Besonders zu empfehlen ist der Burger mit Blauschimmelkäse und Knoblauch. Ich meide Fastfood sonst und Burger sind nicht meine Sache, aber dieser Burger ist ein Muss (oder auch zwei oder drei), wenn es mich nach Reykjavik verschlägt.

Vitabar

Der beliebteste Treffpunkt asiatischer Reisender scheint übrigens das Fish and More auf dem Skólavörðustígur 23 zu sein. Hier kann man als Europäer ganz schnell zur Randgruppe werden. Was überhaupt nichts über das Essen dort aussagt, schließlich sollte wer in Island ist auch Fisch essen, aber es war einfach zu voll, um einen Platz zu ergattern.

Wenn es um guten Fisch geht, empfehle ich das Ostabúðin, Skólavörðustígur 8. Zur Mittagszeit gibt es hier den Fisch des Tages und ein eine Suppe. Nichts Aufregendes eigentlich, gute frische Küche. Aber allein das macht es für jemanden der Fisch mag und nur schwer frischen und guten Fisch auf den Teller bekommt, in gewisser Weise aufregend.

Alles in allem: Verhungern oder verdursten muss man in Reykjavik nicht. Zugegeben, es ist preisintensiv bis verdammt teuer, so aus deutscher Sicht. Aber eine gemütliche Kneipenrunde lohnt sich dennoch in vielerlei Hinsicht. Zum einen kann man Einheimische und Reisende kennen lernen und Geschichten und Erfahrungen austauschen. Mir hat schon so mancher Tipp weiter geholfen. Je weiter man sich von der Innenstadt entfernt, desto echter, sagen wir normaler oder alltäglicher wird das Leben. Das ist es, was mich am meisten interessiert. 

Nightlife Reykjavik

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