Zum Reykjavík Pride-Festival kommen jährlich bis zu 100.000 Besucher

Wie sieht die Gay-Szene in Island aus? Wie behandeln die Isländer die LGBTQ-Community? Eignet sich Island als Reiseziel für Queer-People? Dieser Artikel verrät alles Wissenswerte über die Queer-Geschichte, Reykjavik Pride und die isländische Gay-Szene im Allgemeinen.

Homosexualität wird in Island nicht nur toleriert – sie wird zelebriert! Es gibt nur wenige Orte in der Welt, an denen Menschen jedes Geschlechts und jeder Sexualität so viel Liebe erfahren und so wenig Hass begegnen wie in Island.

Sie sind rechtlich fast vollkommen gleichgestellt und sowohl im Parlament als auch in den Medien stark vertreten; außerdem gibt es hier eine Infrastruktur, die Queers unterstützt und dabei hilft, ihre Stellung zu stärken – so gilt Island inzwischen als wahres Regenbogenparadies. Die Bedingungen, die der queeren Kultur zur Blüte verhalfen, haben Island in ein beliebtes Touristenziel für sexuelle und geschlechtliche Minderheiten verwandelt.

Auch wenn Island in Sachen Partygetümmel nicht ganz mit Fire Island mithalten kann und auch weniger Sand und Sonne bietet als Mykonos, so wird es doch immer mehr zu einer zweiten Heimat für die LGBTQIA-Community*. Viele Unternehmen spezialisieren sich heute auf Gay-Reisen; die Szene vor Ort entwickelt sich ständig weiter, und es gibt eine ganze Reihe von Events, die eigens für Queers und unsere Verbündeten organisiert werden. 

Bildquelle oben: Helgi Halldórsson

Inhalt
    5 - Gay-Dating

Die Geschichte der Gay-Szene in Island     

Doch Island war keineswegs immer ein Zufluchtsort für die Queer-Community. Der Kampf für die Gleichstellung war hier ebenso hart, wie er im Rest der Welt war bzw. immer noch ist. Es lag vielleicht an der isolierten Insellage und am Einfluss der Kirche während der gesamten Entwicklung des Landes, dass unkonventionelle Beziehungen bis weit in das 20. Jahrhundert hinein dämonisiert wurden.

Und dieses Problem betraf nicht nur Lesben, Schwule und Bisexuelle. Die Isländer waren einst in ihrer Denkweise so begrenzt, dass alle Beziehungen außer solchen zwischen einem isländischen Mann und einer isländischen Frau als unmoralisch angesehen wurden. Während der Invasion von Island im Zweiten Weltkrieg besetzten britische Streitkräfte das Land, nachdem die Nazis Dänemark eingenommen hatten; später wurden die Briten von Amerikanern abgelöst, die zwischenzeitlich so viele waren, dass sie der einheimischen männlichen Bevölkerung zahlenmäßig Konkurrenz machten. Dieser Zustrom welterfahrener Männer aus exotischen Gefilden blieb bei den isländischen Frauen nicht unbemerkt und ihr Interesse versetzte die einheimischen Männer in Unruhe.

Britische Truppen proben den Ernstfall auf der Halbinsel ReykjanesBildquelle: Wikimedia, Creative Commons, Foto von Sgt. Aldman, 1943

Dies wurde „die Situation“ oder Ástandið genannt, und sowohl Frauen, die sich amerikanische Partner suchten, als auch die „Kinder der Situation“ (die Ástandsbörn) hatten mit massiver Diskriminierung zu kämpfen. Die Frauen waren allen möglichen Beschuldigungen ausgesetzt – von Prostitution bis Hochverrat wegen der Brüskierung isländischer Männer. Einige von ihnen wurden sogar in Anstalten gesteckt, wo sie eine Behandlung erhielten, die einer modernen Konversionstherapie glich.

Die Diskriminierungen gegenüber LGBTQIA-Community entstammten derselben Unwissenheit. Isländische Männer hatten stets auf die gleiche Art und Weise gelebt – fast ohne jegliche Veränderung seit den Zeiten der Besiedlung bis hin zum Zweiten Weltkrieg – und sie waren es nicht gewohnt, dass ihre Konventionen infrage gestellt wurden. Sie zeigten große Resistenz gegenüber der sich wandelnden Rolle von Männern und Frauen in der Gesellschaft sowie gegenüber der allgemeinen urbanen Entwicklung im Land.  

Der traditionelle Starrsinn der isländischen Männer des 20. Jahrhunderts wird vielleicht am besten in dem mit dem Nobelpreis ausgezeichneten Roman Sein eigener Herr von Halldor Laxness veranschaulicht. Der Protagonist des Buches Bjartur kann sich weder mit der wachsenden Selbstständigkeit seiner Tochter abfinden noch mit der Tatsache, dass das Schicksal Islands nicht mehr länger nur von der Stärke und körperlichen Arbeit der Männer abhängt. Solche Denkweisen führten zur Verachtung vieler moderner Ideen, und dementsprechend wurden auch die ersten Queers, die ihre Identität öffentlich machten, mit Hohn und Ächtung bedacht.

Die preisgekrönte Novelle porträtiert anschaulich die Starrsinnigkeit vieler isländischer Männer auf dem Land im frühen 20. Jahrhundert

Der erste bekannte Schwule, der sich outete, war der beliebte Sänger und Schauspieler Hörður Torfason. Die öffentliche Meinung über ihn veränderte sich danach so stark, dass er das Land verließ und 15 Jahre im Exil lebte.

Islands erste sich offen bekennende Transgender-Frau Anna Kristjánsdottir hatte mit ähnlicher Diskriminierung und Spott zu kämpfen, als sie begann, zu ihrer Geschlechtsidentität zu stehen; sie musste 1989 nach Schweden umziehen, um ein Forum zu finden, in dem sie sich frei über Geschlechtsdysphorie und operative Geschlechtsumwandlung austauschen konnte.

Innerhalb einer Generation jedoch waren diese Ansichten schnell überholt. Sowohl Hörður als auch Anna sind inzwischen nach Island zurückgekehrt und werden heute für ihren Mut gefeiert, anstatt für ihre Unterschiedlichkeiten angeprangert.

Hördur Torfasons Mut hat die Türen für Islands Gay-Szene geöffnetBildquelle: Wikimedia, Creative Commons, Bildquelle Oddur Benediktsson 



Islands Gay-Szene heute    

Die feindselige Reaktion auf das Coming-out von Hörður Torfason hatte Folgen: Viele Leidensgenossen, die sich zuvor versteckt hatten, fühlten sich nun angespornt, die Meinung ihrer Unterdrücker zu ändern. Im Jahr 1978 wurde die National Queer Organisation namens Samtökin ’78 gegründet, die die Befreiungsbewegung in Gang setzte.

Mit größerer Transparenz als je zuvor begannen immer mehr Isländer, sich zu outen. In einem Land, in dem alle irgendwie miteinander verwandt sind, dauerte es nur wenige Jahre, bis jeder einen schwulen Cousin oder eine bisexuelle Nichte hatte, und die Angst vor den Queers verschwand. Die Einstellung wandelte sich und richtete sich schnell und entschlossen gegen die Tradition – und das Gesetz folgte.

Während der Reykjavík Pride sind in der ganzen Stadt Regenbogenflaggen zu sehenBildquelle: Wikimedia, Creative Commons, Foto von JIP

Seit den 1990ern wurden jede Menge Gesetze erlassen, die Island in eine der gay-freundlichsten Nationen der Welt verwandelten. Island war eines der ersten europäischen Länder, die 1996 gleichgeschlechtliche Partnerschaften anerkannten und 2006 völlig gleiche Adoptions- und IVF-Rechte für gleichgeschlechtliche Paare gewährten. Im Jahr 2010 wurde die Öffnung der Ehe für gleichgeschlechtliche Paare beschlossen und 2012 kam man den Bedürfnissen der Trans- und Genderqueer-Community nach – mit einem weitreichenden Gesetz, das Namens- und Identitätsänderungsverfahren formalisierte.

Die jüngste Entwicklung war 2015 zu beobachten, als die Isländische Staatskirche gleichgeschlechtliche Partner dazu einlud, in ihren Einrichtungen zu heiraten. Aus britischer Sicht war dies ein erfrischender, revolutionärer Schritt – verglichen mit dem völlig unnötigen „quadruple lock“, den das britische Parlament 2013 einführte und der verhindert, dass die Church of England solche Trauungen vornimmt.

Eine Weiterentwicklung der Denkweise hat diese Gesetzesänderungen eindeutig vorangetrieben. Im Jahr 2004 sprachen sich 87% aller befragten Isländer für die gleichgeschlechtliche Ehe aus; bei einer Umfrage im selben Jahr in den USA teilten weniger als Hälfte – nur 42% – diese Meinung. Diese moderne Haltung wurde weiter untermauert, als Island – als erstes Land der Welt – eine offen lesbische Regierungschefin bekam: Jóhanna Sigurðardottir wurde 2009 zur Premierministerin gewählt.

Die ehemalige Premierministerin Jóhanna Sigurðadottir war der weltweit erste homosexuelle Landesführer. Ihr folgten Elio di Rupo in Belgien und Xavier Bettel in LuxemburgBildquelle: Wikimedia, Creative Commons, Foto von: Johannes Jansson

Die letzte noch bestehende Lücke zur völligen rechtlichen Gleichstellung ist das Blutspende-Verbot für homosexuelle Männer. Darüber wird jedoch gerade heftig debattiert im Land und es sieht ganz danach aus, als könnte dieses Verbot bald der Vergangenheit angehören. Andere Themen, die auf nationaler Ebene diskutiert werden, sind: ein besseres Verständnis von HIV/AIDs, mehr verfügbare Tests und ein besserer Zugang zu Medikamenten. Es gibt noch einiges zu tun, aber fast alle scheinen mit an Bord zu sein, um diese Ziele zu verwirklichen.

Queer-Community in Island   

Heute blüht die Queer-Community in Island. Die National Queer Organisation ist so stark wie nie zuvor: Sie bietet an Werktagen Aktivitäten für die Community sowie kostenlose Beratung für all diejenigen, die Schwierigkeiten haben, mit ihrer Identität zurechtzukommen. Die Hauptarbeit der Organisation besteht inzwischen nicht mehr in der Bekämpfung von Homophobie. Es geht heute viel mehr darum, weniger bekannte sexuelle und geschlechtliche Variationen – wie z.B. Intersexualität, Asexualität und seit Kurzem BDSM – zu beleuchten und falsche Vorstellungen in diesem Zusammenhang zu korrigieren.

Die Arbeit der Organisation Samtökin '78' änderte die Einstellung gegenüber der Gay-Szene in den letzten 40 Jahren vollständigBildquelle: Samtökin ‘78

Die National Queer Organisation ist in erster Linie für Einheimische und Einwohner gedacht, doch es gibt auch viele Organisationen für Island-Besucher, die die Gay-Szene erkunden möchten. Auf der Go-to-Seite Gay Iceland erfährt man, was in Gay-Reykjavík so alles los ist, und Gay Ice ist ein beliebter Reiseführer. Seit 2011 gibt es sogar ein Reiseunternehmen, das sich auf die LGBTQIA-Community spezialisiert: Pink Iceland.

Das Leben in Gay-Reykjavík    

Für Besucher gibt es unzählige Möglichkeiten, in die isländische Queer-Szene einzutauchen. Dank der hohen Toleranz besteht hier keine Notwendigkeit für einen eigenen Gay-Bezirk; es gibt nur eine explizite „Gay Bar“ (Kiki), aber alle isländischen Venues heißen Menschen jeder Couleur willkommen. Es ist durchaus üblich, dass allgemeine Institutionen Regenbogenflaggen in ihre Fenster hängen oder Warnschilder gegen Diskriminierung auf ihrem Gelände anbringen. So gilt nahezu jede Fläche in Reykjavík als sichere und angenehme Umgebung.

Die Ikone Páll Óskar auf einem gigantischen GlitzerschwanBildquelle: Wikimedia, Creative Commons, Foto von Tanzania

Queers sind in traditionellen „straight“ Venues herzlich willkommen – und dasselbe gilt auch umgekehrt. Beim Reykjavík Pride Festival amüsiert sich die ganze Familie und die Teilnehmerzahl ist entsprechend riesig. Obwohl das Land insgesamt nur etwa 330.000 Einwohner hat, kommen fast 100.000 Menschen zu dieser Parade, um zu feiern, unter ihnen auch – seit 2016 – der Präsident des Landes. In der Pride-Woche finden viele Veranstaltungen statt, wie z.B. Konzerte, Vorführungen von Dokumentationen und Filmen, Live-Comedy-Shows und Drag-Performances. Das Reykjavík Pride Festival im August und das Reykjavík Rainbow Festival im Februar sind Festtage, an denen das ganze Land zusammenkommt.

Anders als in anderen kleineren Städten gibt es in Reykjavík jedoch das gesamte Jahr über Queer-Events. Der legendäre isländische Popstar Páll Óskar – eine Gay-Ikone – veranstaltet alljährlich eine Pink PartyBears on Ice findet jedes Jahr im September statt, und auch die Stars von RuPaul‘s Drag Race sind in den letzten Jahren mehrmals aufgetreten. 

Die Könige und Königinnen von Drag Súgur. Von links nach rechts: Aurora Borealis, Russel Brund, Turner Strait und Wonda StarrBildquelle: Pink Iceland

Außerdem gibt es viele Plattformen für aufstrebende Queer-Künstler, auf denen diese ihre vielfältigen Talente präsentieren können. Regelmäßige Performer der Downtown-Szene, wie z.B. der schwule Comedian Jonathan Duffy und die Genderqueer-Punkmusiker Skaði und Mighty Bear, werden immer bekannter. Und das beim Queer-Publikum sehr beliebte Reykjavík Kabarett bietet ebenfalls eine tolle Bühne für Queer-Talente.

Darüber hinaus haben sich in den vergangenen Jahren die isländischen Drag-Künstler in die vorderste Front der Szene katapultiert. Es gibt aktuell eine Drag-Truppe (Drag-Súgur), die mindestens an jedem dritten Freitag im Monat auftritt – vor stetig wachsendem und zunehmend begeistertem Publikum.



Gay-Dating   

Der Gay-Comedian, Sänger und Schauspieler Jono Duffy hat zusammen mit Künstler und Comedian Einar Másson die wunderbar sarkastische Serie 'Bruce the Angry Bear' entwickeltBildquelle: Foto von Jonathan Duffy und Einar Másson, mit freundlicher Genehmigung von Gay Iceland

Dating zwischen Personen gleichen Geschlechts ist in Island völlig unumstritten. Es ist keineswegs unüblich, dass zwei Männer oder zwei Frauen Händchen haltend die Hauptstraße entlangschlendern, ein romantisches Essen in einem Restaurant der Stadt genießen oder genauso ausgelassen tanzen, wie verschiedengeschlechtliche Paare dies in einer feuchtfröhlichen Partynacht tun.

Doch genau wie anderswo auf der Welt gibt es auch in Island ignorante Menschen, und natürlich können Belästigungen gleichgeschlechtlicher Paare auch hier nicht ganz ausgeschlossen werden; in der toleranten Kultur von Reykjavík ist Engstirnigkeit jedoch selten und wird von der allgemeinen Bevölkerung nicht geduldet. 

Generell gibt es in Island nur wenige Tabus in Sachen Dating. Isländer haben in der Regel eine sehr sexpositive Haltung und neigen nicht dazu, andere wegen ihres Sexualverhaltens zu stigmatisieren. Viele Singles in Island verwenden Dating-Apps, und die Queer-Community ist da keine Ausnahme. Tinder, Grindr und Planet Romeo sind äußerst beliebt; wer allerdings länger bleibt, sollte daran denken, dass die Gay-Szene in Reykjavík relativ klein und überschaubar ist – man trifft also schnell immer wieder auf dieselben Gesichter.

Der Rest des Landes ist so dünn besiedelt, dass man beim Herumreisen oft 100 km lang keine anderen Queers online sieht. Zu beachten ist allerdings die wachsende Sorge in Island über steigende STI-Übertragungsraten; wer auf der Suche nach einem romantischen Date ist, sollte sich also stets schützen.

Gleichgeschlechtliche Paare in Reykjavík müssen sich nicht vor Anfeindungen fürchtenBildquelle: Wikimedia, Creative Commons, Foto vom Kurt Löwenstein Educational Centre International Team


  • Der Artikel Sex and nudity liefert weitere Infos zur sexpositiven Einstellung in Island

Die Zukunft von Gay Iceland   

Wir leben in einer Welt, in der Bürger- und Menschenrechte an vielen Orten – an denen sie früher einmal heilig waren – nun immer unsicherer erscheinen. In Island dagegen kann mit erfrischender Sicherheit davon ausgegangen werden, dass die Unterstützung für Queer-People noch lange anhalten wird. Dieses Zelebrieren der Vielfalt ist inzwischen Teil des nationalen Charakters geworden und erfüllt die Mehrheit der Isländer mit großem Stolz.

Auch für unparteiische, unpolitische Institutionen wie uns – Guide to Iceland – gibt es keine andere legitime Seite in der Debatte, wenn es um den Schutz unserer Queer-Community geht. Den Lauf der Geschichte umzukehren, das hat – zumindest hier in Island – niemand auf dem Zettel. 

Und warum auch? Queers helfen dabei, die isländische Kultur – von der künstlerischen bis hin zur politischen – zu gestalten und das nur zum Besseren. Sie fördern die wachsende Reputation des Landes als Bastion der Kreativität und zukunftsorientierten Diskussion. Für alle, die einfach sich selbst sein wollen, ihre Identität zelebrieren möchten und auch keine Angst davor haben, dies zu tun, ist Island zweifellos der beste Ort der Welt!

*LGBTQIA ist die von der National Queer Organisation verwendete Abkürzung für lesbische, schwule, bisexuelle, transsexuelle, queere (oder hinterfragende), intersexuelle und asexuelle Menschen (lesbian, gay, bi, trans, queer (or questioning), intersex and asexual people). Hier bezieht sie sich auf die gesamte Queer-Community. Andere Organisationen verwenden andere Abkürzungen.