Islandpferde in der Mitternachtssonne

Welche Eigenschaften machen das Islandpferd einzigartig? Wie sehr unterscheiden sich Islandpferde von anderen Rassen? Wo geht man in Island reiten? Ist das „Islandpferd“ in Wirklichkeit ein „Islandpony“? Hier erfährst du alles, was du jemals über diese großartigen Tiere wissen wolltest – von ihrer Geschichte seit der Zeit der Besiedlung bis hin zu ihrer Bedeutung und ihrem Status in Island heute.

Die Islandpferde sind in diesem vulkanischen Land ebenso heimisch wie das isländische Volk. Sie kamen mit den ersten Schiffen der Siedler ins Land und blieben seither treue Freunde und Diener. So haben sie sich einen ganz besonderen Platz in den Herzen und Seelen der Menschen erobert; und solltest du jemals die Ehre haben, einem Exemplar dieser Rasse zu begegnen, wirst du sofort verstehen warum.

In diesem Artikel haben wir grundlegende Informationen zum Islandpferd zusammengetragen und Folgendes erkundet: Die Geschichte der Rasse und ihre einzigartigen Charakterzüge, ihre besondere Beziehung zu den Menschen und ihre große mythologische, kulturelle und literarische Bedeutung.



Die Geschichte des Islandpferds

Islandpferd und sein Reiter

Die ersten Islandpferde kamen in der Zeit zwischen 860 und 935 n.Chr. ins Land – an Bord der Wikingerschiffe der altnordischen Siedler. Die Quellen sind sich uneinig über die genaue Abstammung der Rasse – doch interessanterweise hängen viele ihrer Charakteristiken mit den Umständen dieses Transports zusammen.

Einige behaupten, die Islandpferde seien wegen ihrer kleinen, aber robusten Statur ausgewählt worden – die sich bestens für eine Überseereise eignet. Wenn man darüber nachdenkt, ist der Transport größerer Tiere viel einfacher, wenn diese stabil auf den Beinen stehen und wenig Platz auf dem Schiff einnehmen.



Islandpferd im Sonnenuntergang

Seitdem hat eine selektive Zucht die Islandpferde zu dem gemacht, was sie heute sind. Sie haben sich verändert und an die Umgebung angepasst: So tragen sie im Winter ein dickes Winterfell, das im Frühling wieder abgeworfen wird.

Das Pferd bleibt somit unbeeindruckt von starken Winden und Schneestürmen und vollbringt wahre Meisterleistungen – es watet beispielsweise durch Gletscherflüsse und durchquert unwegsames Gelände.

Im Jahr 982 n.Chr. verabschiedete das isländische Parlament Alþingi Gesetze, die die Einfuhr anderer Pferderassen ins Land untersagten; somit wurde die Rasse über 1000 Jahre lang völlig isoliert auf der Insel gehalten.

Folglich handelt es sich hierbei um eine der reinsten Pferderassen der Welt. Denn auch für den Export einzelner Tiere gilt: Wenn sie einmal weg sind, dürfen sie nicht mehr nach Island zurückkehren.

Das Islandpferd ist robust und gut an die raue Umgebung angepasst, in der es aufgewachsen ist

Vor etwa 900 Jahren wurden Versuche unternommen, östlichen Bestand in das isländische Blut zu integrieren, doch das Experiment führte zu einer erheblichen Degeneration und fast zur Auslöschung der Spezies.

Seitdem wurde sehr darauf geachtet, den eigenen Bestand zu schützen, der sich heute als außerordentlich gesund und langlebig erweist. Die Tiere können im Durchschnitt bis zu 40 Jahre alt werden, und das älteste Exemplar erreichte angeblich das reife Alter von 59 Jahren!



Pferdefreunde mit flauschigem Winterfell

Doch die hervorragende Physis der Pferde ist bei weitem nicht der einzige Grund, warum sie bei den Isländern so beliebt sind. Auch die Persönlichkeit der Islandpferde wird ausgiebig gelobt – insbesondere ihr munteres, aber sanftes Temperament.

Da diese Tiere keine natürlichen Feinde in ihrer Umgebung haben, sind sie kaum schreckhaft und entsprechend kontaktfreudig und freundlich – und seien wir mal ehrlich, sie sehen einfach knuddelig aus!

Wenn du die Pferde neben der Ringstraße entdeckst, werden sie aller Wahrscheinlichkeit nach mutig auf dich zukommen, dir direkt in die Augen schauen und darauf warten, dass du ihre Schnauze streichelst.

In solchen Situationen ist es äußerst wichtig, dass du die Pferde nicht fütterst. Sie haben jede Menge zu fressen, und jeder zusätzliche Leckerbissen wäre nur schädlich für ihre Gesundheit.

Du kannst dich ihnen vorsichtig von deiner Seite des Zauns aus nähern – aber nicht über die Abgrenzung klettern, das Land gehört den Farmern! Die Pferde wollen dich vermutlich begrüßen, und du kannst sie streicheln und fotografieren – sie posieren meist sehr gerne.

Es gilt, die Tiere stets zu respektieren und niemals ein Pferd ohne Erlaubnis des Eigentümers zu reiten.



Welche besonderen Charakteristiken hat das Islandpferd?

Eine der bemerkenswertesten Eigenschaften des Islandpferds sind seine fünf Gangarten. Alle Pferde verfügen in der Regel über die drei Grundgangarten Schritt, Trab und Kanter/Galopp, doch das Islandpferd beherrscht zwei zusätzlich Gangarten: „Tölt“ und „Skeið“ bzw. „Rennpass“.

Die gute Fähigkeit eines Tieres, diese beiden Gangarten zu gehen, definiert weitgehend seinen Wert.

Beachte, dass drei der Pferdehufe fast gleichzeitig auf dem Boden aufgesetzt werdenFoto von: 'Dagur Brynjólfsson'. Wikimedia Creative Commons

Worum handelt es sich bei diesen Gangarten? Wie funktionieren sie? Und die vielleicht wichtigste Frage: Wie fühlen sie sich an? Der „Tölt“ ist eine gelaufene, laterale Gangart im Viertakt; er ist bekannt für seine Kombination aus Geschwindigkeit und außergewöhnlichem Reitkomfort – in sanftem Trab gleitet der Reiter zügig dahin. 

Der „Skeið“ dagegen kann als sehr rhythmischer Galopp beschrieben werden: Bei dieser lateralen Gangart im Zweitakt werden die gleichseitigen Beinpaare gleichzeitig aufgesetzt, und zwischen den Schritten entsteht eine kurze Schwebephase. Bei bis zu 48 km/h fühlt es sich an, als würde man fliegen!



Die Schönheit des Tieres geht weit über die subjektive Wahrnehmung hinaus. Das Islandpferd präsentiert sich in einer Vielzahl von Fellfarben, von denen 40 Grundfarben offiziell aufgeführt sind; daneben gibt es noch mehr als 100 Farbvariationen. Und das isländische Volk ist seit langem der festen Überzeugung, dass die Farbe eines Pferdes dessen Persönlichkeit widerspiegelt.

Rot, Braun, Weiß und Pink gehören zu den vielen Grundfarben der Islandpferde

Ein Beispiel hierfür findet sich in den Abenteuern der Romanfiguren Nonni und Manni, die von den Einheimischen heiß geliebt werden. Die beiden Unruhestifter werden davor gewarnt, das pinkfarbene Pferd des benachbarten Farmers zu stehlen, da pinkfarbene Pferde angeblich eigenwillig und schwer gefügig zu machen sind. Und tatsächlich verlieren die Brüder die Kontrolle über ihr Ross und es nimmt sie mit auf einen wilden Ritt durch die Ebenen.



Dies scheint mir der richtige Zeitpunkt sein, um sich mit dem „Pink Pony“ zu befassen: Handelt es sich hierbei um ein Pony oder um ein Pferd? Mein Rat an dich: Stelle diese Frage niemals einem Isländer! 

Doch da wir gerade beim Thema sind: Ponys sind per Definition kleiner (weniger als 144 cm) und stämmiger als Pferde; außerdem haben sie eine dickere Mähne, dickeres Fell und einen dickeren Schweif. Obwohl das Islandpferd dieser Beschreibung wohl entspricht, werden die Einheimischen in aller Ausführlichkeit erklären, dass es die genetische Konstitution, Intelligenz und Stärke eines Pferdes besitzt.

Darüber kann man nicht streiten. Also lässt man es am besten sein.

Das Islandpferd in der Mythologie und Folklore

Illustration von Odin und seinem Pferd Sleipnir aus einem isländischen Manuskript aus dem 18. JahrhundertOdin reitet Sleipnir in einer Manuskript-Illustration aus dem 18. Jahrhundert – Foto von: „Jakob Sigurðsson“. Wikimedia Creative Commons

Der nationale Stolz der Isländer in Bezug auf ihre Pferderasse rührt aus der fernen Vergangenheit. Das Pferd war schon in der nordischen Folklore berühmt, und als die Siedler das Tier importierten, importierten sie auch den Mythos.

Literatur, Poesie und Folklore sind übersät mit Beispielen, die die Bewunderung der Isländer für ihr Pferd ausdrücken; die gesamte Geschichte hindurch wurde das Tier nicht nur als wertvoller Diener gepriesen, sondern auch als Freund und treuer Begleiter.



Künstlerische Darstellung der Nordmänner, die in Island ankommenNordmänner erreichen die isländische Küste – Foto von: „Oscar Wergeland“. Wikimedia Creative Commons

Gemäß Grágás, dem ersten isländischen Rechtsbuch, wurde Pferdediebstahl mit Verbannung bestraft; Pferdediebe wurden geächtet, und sämtliche Outlaws durften rechtmäßig getötet werden. Ein Pferd stehlen – das tut man einfach nicht!

Die Wikinger begruben ihre Toten mit deren persönlichen Habseligkeiten, den sogenannten Grabbeigaben, die man für die Reise ins Jenseits benötigen könnte: Je höher der Status, desto mehr wertvolle Besitztümer durfte man mitnehmen.

Die Könige und Lords wurden deshalb oft zusammen mit ihren Pferden begraben – denn wer wäre ein besserer Begleiter auf dem Trip durch die Unterwelt als das eigene treue Ross?

Odin reitet auf Sleipnir zu HelOdin reitet auf Sleipnir zu Hel – Foto von: „W.G. Collingwood“. Wikimedia Creative Commons

Odins treues Ross in der nordischen Mythologie ist der achtbeinige Hengst Sleipnir – das beste Pferd von allen! Ihm wird die Entstehung der Ásbyrgi-Schlucht in Nordisland zugeschrieben: Laut Sage hat das Pferd an dieser Stelle seinen Huf aufgesetzt und die hufeisenförmige Schlucht hinterlassen, die man heute sehen und besuchen kann.

Sleipnirs Vater, der Hengst Svaðilfari, soll einem schurkenhaften Riesen dabei geholfen haben, die Mauern von Asgard zu errichten – um eine Wette mit den Göttern zu gewinnen. Doch es kam anders: Aus Angst die Wette zu verlieren nahm der Verwandlungskünstler und Trickster-Gott Loki die Gestalt einer Stute an und lockte Svaðilfari weg von seinem Herrn – und verhinderte so, dass die Mauern rechtzeitig fertig wurden. 

Die folgende romantische Begegnung führte zu Lokis Schwangerschaft, und bald danach brachte der große Gott des Unfugs einen Sohn zur Welt: Sleipnir.

Diese Geschichte zeigt vielleicht, wie überaus wichtig die Pferde zur Unterstützung der menschlichen Arbeitskraft waren – und wie hilflos die Menschen ohne sie gewesen wären.

Svaðilfari und sein Besitzer vorne im Bild, Loki als Stute im HintergrundSvaðilfari bockt und wiehert, als er die „Stute“ entdeckt – Foto von: „Dorothy Hardy“. Wikimedia Creative Commons

Außerdem gibt es ein Motiv, das in der nordischen Mythologie immer wiederkehrt: Pferde, die die Sonne über den Himmel ziehen. In der Gylfaginning, dem ersten Teil von Snorri Sturlusons Prosa-Edda, fährt die Sonne in einem Wagen über das Firmament – gezogen von den Pferden Árvakur und Alsvinnur.

Die Pferde von Dagur („Tag“) und Nótt („Nacht“) sind Skinfaxi und Hrímfaxi; ihre Namen beziehen sich auf ihre leuchtende bzw. bereifte Mähne. Wenn Skinfaxi täglich Dagurs Wagen zieht, werden Himmel und Erde von seiner Mähne und seinem Schweif erhellt.

Skinfaxi und Hrímfaxi fliehen mit Dagur und Nótt vor den WölfenDagur und Nótt jagen ihre Wagen weg von den Wölfen – Foto von: „John Charles Dollman“. Wikimedia Creative Commons

Doch nicht alle mythologischen Pferde transportieren die Sonne – denn das Pferd ist von Natur aus kein Diener, sondern ein sehr individuelles und unberechenbares Tier. Ein Pferd kann dich jederzeit aus den verschiedensten Gründen abwerfen – weil es unartig ist, weil es sich erschreckt oder auch weil der Reiter einen Fehler macht.

Der Nykur, eines der Monster in der isländischen Folklore, war ein Wasserdämon mit dem Erscheinungsbild eines Pferdes – außer dass seine Ohren und Hufe nach hinten zeigen. Der Sage nach lebte Nykur unter Wasser, in Seen und Flüssen, und hatte es darauf abgesehen, ahnungslose Wanderer in ein nasses Grab zu locken.

Wenn das Eis der gefrorenen Seen im Winter krachte, hielt man das Geräusch für das Wiehern von Nykur. Diese Annahme veranlasste Reiter dazu, sehr vorsichtig zu sein, wenn sie zugefrorene Gewässer überquerten.

Ein Bild namens „Boy on White Horse“ stellt Nyx darEin Nyx-ähnliches Wesen taucht in einen See ein, um seinen Reiter zu ertränken – Foto von: „Theodor Kittelsen“. Wikimedia Creative Commons

Um das schreckliche Biest abzuwehren, kann man das Kreuzzeichen auf seinen Rücken malen – falls man das Pech hat, auf ihm zu reiten. Eine andere Möglichkeit ist, seinen Namen laut auszusprechen. Eine Geschichte handelt davon, wie Nykur ein schlafendes Mädchen in einen See zieht, um sie zu ertränken – bis das Mädchen aufwacht und seinen Namen ruft. Das Biest lässt seine Beute sofort fallen und verschwindet wieder im Wasser.



Die Namen der isländischen Pferde haben eine ganz eigene Tradition. Einige beziehen sich auf die Farbe der Tiere, zum Beispiel: Bleikur (der Pinkfarbene), Gráni (der Graue) und Kolfaxi (der Schwarzmähnige). Andere wiederum verweisen auf das Temperament und die Persönlichkeit, zum Beispiel: Farfús (einer, der gerne reist), Háski (der Waghalsige), Ljúfur (der Liebe) oder Prakkari (der Trickster). Viele weitere Namen leiten sich aus der nordischen Mythologie ab, wie z.B. Loki, Mjölnir, Ýmir, Þór, Frigg und Æsir.

Wie heiße ich?

Es ist eine verbreitete Ansicht in Island, dass du niemals ein Pferd reiten solltest, dessen Namen du nicht kennst oder nicht verstehst. Bevor du dich auf eine Reittour begibst, solltest du also deinen Guide nach dem Namen deines tierischen Begleiters fragen.

Von Pferden und Menschen

In der Vergangenheit waren Pferde absolut notwendig für das Überleben der Menschen; sie stellten den besten und sichersten Transportweg dar und erwiesen sich zudem als (buchstäbliche) Lebensretter. Viele Geschichten handeln von Reitern, die sich in Schneestürmen in der unerbittlichen Wildnis des Landes verirren und von ihren Pferden warm gehalten werden – bis Rettung naht oder die Tiere selbst den Weg nach Hause finden und den erschöpften Reiter zurück in Sicherheit bringen.

Inzwischen – nach der Mechanisierung des Transports und einer allgemeinen Verbesserung der Straßenbedingungen – werden die Pferde nicht mehr so dringend gebraucht wie früher; dennoch spielen sie bis heute eine wichtige Rolle im Leben der Isländer.

Pferde werden noch immer zum Hüten von Schafen im Hochland eingesetzt und für Freizeitreitaktivitäten gehalten; außerdem gibt es seit Ende des 19. Jahrhunderts alljährlich beliebte Wettbewerbe für Gangvorführungen, Pferderennen und Pferdeshows.

Isländische Freizeitreiter am Skógafoss heute

Es sollte vielleicht darauf hingewiesen werden, dass man in Island auch Pferdefleisch isst und dass manche Pferde nur für den menschlichen Verzehr gezüchtet werden. Einige Isländer verzichten zwar darauf, aber für andere macht es keinen Unterschied, ob sie Pferde-, Lamm-, Rind- oder Schweinefleisch essen.

Viele Außenstehende schockiert der Gedanke, Pferdefleisch zu essen (erinnerst du dich noch an den Pferdefleischskandal?), und auch für die Einheimischen in Island war das nicht immer eine klare Sache.

Nach der Christianisierung des gesamten Landes im 10. Jahrhundert war es sogar verboten, Pferdefleisch zu essen. Die wenigen Armen, die es trotzdem taten, fielen in Ungnade – und in der Regel litten die Menschen lieber Hunger, als für den Verzehr von Pferdefleisch verdammt zu werden.

Reiten entlang einer isländischen Bergstraße im Winter

Im modernen Island gilt das Pferd gemeinhin als Freund und Kamerad. Viele isländische Kinder nehmen Reitstunden, die außerhalb und innerhalb der Stadtgrenzen angeboten werden; und mit dem großen Tourismusboom in den letzten Jahren ist die Nachfrage nach gut erzogenen Pferden stark angestiegen – sie ist heute so hoch wie nie zuvor!

Man könnte sagen, dass ein Reisender die isländische Natur erst dann in ihrer ganzen Pracht erlebt hat, wenn er sie auch vom Rücken eines Pferdes aus bestaunt. So hast du Gelegenheit, abseits der Straßen Berge zu erklimmen und Flüsse zu durchwaten.

Auf dem Pferd „fliegst“ du durch die isländische Landschaft, wie es einst die isländischen Siedler taten – und wie es ihre Nachkommen bis heute tun.