
Island war schon immer eine literarische Nation – und ist es bis heute. Früher unterhielt man sich an den langen Abenden im Haus, indem man sich gegenseitig Geschichten erzählte und aus Büchern vorlas. Im Laufe der Jahrhunderte haben es einige Redewendungen und Sprichwörter geschafft, den Geist einer Sache so treffend einzufangen, dass sie in den alltäglichen Sprachgebrauch übergegangen sind. Manchmal ist der genaue Ursprung einer Redewendung unbekannt, was sie jedoch nicht weniger bedeutend macht.
In diesem Artikel haben wir nur einige der vielen Sprichwörter und Redewendungen in Island gesammelt. Manche sind älter, andere jünger, aber sie alle werden auch heute noch verwendet.
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Isländische Sprichwörter
Wir haben einige unserer Lieblingssprichwörter zusammengestellt, die im Alltag häufig verwendet werden. Ein Sprichwort ist ein prägnanter, bekannter Satz, der eine allgemeine Wahrheit oder einen Ratschlag in Form einer Metapher ausdrückt. Nach jedem Sprichwort folgt eine Erklärung zu seiner Bedeutung und Herkunft.
Niemand wird ungeschlagen Bischof

Die Kirche in Skalholt, in der der Bischof von Island seit 1056 residiert.
„Enginn verður óbarinn biskup“ ist ein beliebtes isländisches Sprichwort mit tiefen Wurzeln in der Geschichte des Landes. Über Jahrhunderte hinweg war das Amt des Bischofs das mächtigste öffentliche Amt, das ein Isländer bekleiden konnte, als Island zu den skandinavischen Königreichen (zuerst Norwegen, dann Dänemark) gehörte. Um Bischof zu werden, musste man also viele Widrigkeiten, Verrat, Konkurrenz und alles, was mit dem Aufstieg in eine hohe Position verbunden ist, durchstehen.
Kurz gesagt: Man wird nicht Bischof, ohne auch mal die andere Wange hinzuhalten und (im übertragenen Sinne – manchmal aber auch ganz real!) einzustecken. Dieses Sprichwort wird verwendet, wenn jemand ein großes Ziel erreichen will – man sollte nicht glauben, dass das ohne Rückschläge gelingt. Die Bedeutung ist ähnlich wie beim lateinischen „Per ardua ad astra“ – „Durch Schwierigkeiten zu den Sternen“. Kurz gesagt: Wer Großes erreichen will, muss mit Herausforderungen rechnen.
Geld verwandelt viele in Affen
„Margur verður af aurum api“ ist ein altes isländisches Sprichwort – vermutlich sogar das älteste auf dieser Liste! Es taucht in der legendären Hávamál auf, einem langen Gedicht aus der Sicht Odins, das in einer Handschrift aus dem 13. Jahrhundert überliefert ist, aber vermutlich um das Jahr 1000 n. Chr. entstand. Die Bedeutung ist ganz einfach: Geld kann Menschen dazu bringen, sich dumm zu verhalten. Das war vor tausend Jahren so – und ist es heute noch. Ja, sogar die Wikinger haben sich schon über die Neureichen beschwert!
Das Kuriose an diesem Sprichwort: Damals hatte kein Isländer je einen Affen gesehen oder wusste überhaupt von deren Existenz! Hier wird „Affe“ einfach als Schimpfwort verwendet, ähnlich wie das isländische „asni“ (Esel), obwohl nie ein Esel seinen Huf auf isländischen Boden gesetzt hat.
Ein schlechter Ruderer schiebt die Schuld aufs Ruder

Ein typisches isländisches Ruderboot, wie es Anfang des 20. Jahrhunderts zum Fischen genutzt wurde.
Das isländische Sprichwort „Árinni kennir illur ræðari“ ist bis heute aktuell. Es stammt aus der Zeit, als Island noch eine reine Fischernation war. Bevor es Trawler und moderne Fischerboote gab, wurde der Fischfang meist mit Ruderbooten betrieben, insbesondere mit dem sogenannten „Áttäraingur“, einem Boot mit acht Rudern. Um schnell voranzukommen, mussten die Ruderer kräftig sein und im Takt rudern.
Ein schlechter Ruderer konnte die gesamte Fahrt verlangsamen. Ein Ruder ist ein einfaches Werkzeug, das leicht zu bedienen ist – „dem Ruder die Schuld geben“ bedeutet also, schlechte oder irrelevante Ausreden für eine schwache Leistung zu suchen. Das Ruder taucht auch in einem weiteren Sprichwort auf: „að taka djúpt í árinni“ – wörtlich „tief ins Ruder greifen“ –, was so viel heißt wie „übertreiben“ oder „zu viel versprechen“.
Die Not lehrt die nackte Frau spinnen
Das isländische Sprichwort „Neyðin kennir naktri konu að spinna“ vermittelt seine Botschaft mit anschaulichen Bildern. Es bedeutet, dass Menschen in einer Notsituation alles lernen, was sie brauchen, um ihre Probleme zu lösen. In diesem Fall muss eine nackte Frau schnell lernen, das Spinnrad zu bedienen, um sich Kleidung zu machen!
Jeder hat seinen Teufel zu schleppen
„Hver hefur sinn djöful að draga“ ist ein Sprichwort, das mindestens bis ins 18. Jahrhundert zurückreicht – vielleicht sogar noch weiter. Es bedeutet, dass jeder seine eigenen Probleme zu bewältigen hat, ob groß oder klein, auch wenn man es nicht sieht. Interessanterweise ähnelt es dem englischen „Everyone has their cross to bear“, das auf Jesus und das Kreuz anspielt.
In der isländischen Version ist es jedoch deutlich teuflischer! Das Bild macht klar: Man kann den Teufel nicht einfach tragen, sondern muss ihn – mit seinen schmutzigen Krallen – hinter sich herschleppen. Das ist vermutlich noch schwerer, als ein Holzkreuz zu tragen!
Aus der Ferne erscheinen die Berge blau

Auf diesem Foto aus Seydisfjordur sieht man, wie die Berge in der Ferne immer blauer erscheinen.
„Fjarlægðin gerir fjöllin blá“ ist ein wunderschönes isländisches Sprichwort mit doppelter Bedeutung. Beim Blick auf die isländische Flagge scheint die Bedeutung der Farben für viele offensichtlich: Weiß steht für Eis, Rot für Feuer – passend für das „Land aus Feuer und Eis“.
Viele denken, das Blau stehe für das Meer, das Island umgibt – doch das stimmt nicht! Es steht tatsächlich für das „Bergblau“ oder fjallabláminn. Betrachtet man die Berge Islands an einem klaren Tag aus der Ferne, erscheinen sie blau. Je weiter entfernt, desto blauer wirken sie – das ist die wörtliche Bedeutung dieses Sprichworts.
Im übertragenen Sinn bedeutet es: Je weiter man von etwas entfernt ist, desto schöner erscheint es einem. Wenn du also weit von zu Hause weg bist, wächst das Heimweh – oder je mehr Zeit seit einem Ereignis vergeht, desto nostalgischer blickt man darauf zurück.
Der Ausdruck stammt aus dem Theaterstück Fjalla-Eyvindur (1911) des isländischen Dichters und Dramatikers Jóhann Sigurjónsson. Im Original hieß es: „Aus der Ferne erscheinen die Berge blau und die Männer groß“ – gemeint ist, dass historische Persönlichkeiten mit der Zeit immer größer wirken.
Isländische Sprüche und Redewendungen
Hier findest du einige unserer liebsten isländischen Redewendungen. Der Unterschied zwischen Sprichwort und Redewendung ist gering: Redewendungen sind meist etwas informeller und nicht ganz so tiefgründig, aber genauso gebräuchlich.
Nicht alles seine Großmutter nennen
„Að kalla ekki allt ömmu sína“ ist eine isländische Redewendung, die mindestens bis ins 19. Jahrhundert zurückreicht. Der Ursprung ist nicht ganz klar, aber sie beschreibt jemanden, der hart im Nehmen ist, keine Angst hat und nicht leicht zu beeindrucken ist. Im Kontext: Isländer – wie wohl die meisten Menschen – sind ihrer Großmutter gegenüber sehr freundlich und respektvoll. Wer also NICHT alles seine Großmutter nennt, ist eben nicht zu allem freundlich – ein echt harter Typ also! Schwer zu erklären, aber das ist der Kern der Redewendung.
Großmütter tauchen in vielen isländischen Sprüchen auf. Ein bekannter lautet: „Da traf der Teufel seine Großmutter“ – er stammt aus einem Gedicht des 17. Jahrhunderts und beschreibt das Aufeinandertreffen zweier besonders bedeutender oder berüchtigter Persönlichkeiten. Die Großmutter des Teufels wäre demnach selbst für den Teufel eine Herausforderung!
Fuß und Schwimmhäute hingen in der Luft
Eine wörtliche Darstellung dieser isländischen Redewendung: Ein Fuß und eine Schwimmhaut schweben in der Luft.
„Uppi varð fótur og fit“ ist eine isländische Redewendung, die Chaos beschreibt – „fit“ sind die dünnen Häute zwischen den Zehen von Vögeln. Der Ursprung dieser skurrilen Redewendung ist nicht bekannt. Sie erinnert ein wenig an die wilden Prügeleien aus alten Warner-Bros.-Cartoons, bei denen menschliche Füße und Vogelfüße während eines heillosen Durcheinanders wild durch die Luft wirbeln! Der Spruch wird in Island verwendet, wenn es in einer großen Gruppe zu Tumulten, Unruhe oder allgemeiner Aufregung kommt.
Mögen mir alle toten Läuse vom Kopf fallen
Die isländische Redewendung „Detti mér nú allar dauðar lýs úr höfði“ erzeugt ein starkes Bild. Sie wird verwendet, um völlige Überraschung oder Schock auszudrücken – so sehr, dass einem scheinbar alle toten Läuse gleichzeitig vom Kopf fallen und ein wahres Insekten-Chaos entsteht. Natürlich ist das nur bildlich gemeint, aber es verdeutlicht, wie schockiert jemand ist.
Auf etwas sitzen wie ein Drache auf seinem Gold

Eine Illustration von J.R.R. Tolkien selbst, die den Drachen Smaug zeigt, wie er im Einsamen Berg seinen Schatz bewacht.
Die gängige isländische Redewendung „Að sitja á einhverju eins og ormur á gulli“ beschreibt jemanden, der etwas besitzt und es nicht hergeben will – oder jemand weiß etwas und verrät es nicht. Das isländische Wort „ormur“ bedeutet eigentlich „Wurm“, wie man ihn im Boden findet. Hier ist jedoch ein flügelloser germanischer Drache, ein Lindwurm, gemeint.
In der germanischen Literatur ist es ein häufiges Motiv, dass Drachen Schätze horten. Beispiele hierfür sind „Beowulf“ oder die „Saga von Ragnar Lodbrok“. Das bekannteste moderne Beispiel ist J. R. R. Tolkiens „Der Hobbit“, der sich von germanischer Literatur und den isländischen Sagas inspirieren ließ. Darin bewacht der Drache Smaug den Schatz der Zwerge im Einsamen Berg.
Jemanden mit goldenen Hämmern schlagen
„Að slá einhverjum gullhamra“ ist eine isländische Redewendung, die weniger gewalttätig ist, als sie klingt. Der goldene Hammer steht hier für ein Kompliment oder Lob. Jemandem goldene Hämmer zu verpassen, bedeutet also, jemanden mit Komplimenten zu überschütten. Manchmal ist das rein freundschaftlich gemeint, manchmal aber auch als Flirt, um das Herz des anderen zu gewinnen.
Sich unter Felle legen
„Að leggjast undir feld“ ist eine einfache isländische Redewendung mit einer langen Geschichte. Sie stammt aus dem Jahr 1000 n. Chr. – das kann so genau datiert werden, da sie sich auf Þorgeir Ljósvetningagoði bezieht, der von 985 bis 1001 Gesetzessprecher im Althing war. Damals verehrten die Isländer vor allem die alten nordischen Götter, und Þorgeir war selbst heidnischer Priester. Als Island unter Druck des norwegischen Königs geriet, das Christentum anzunehmen, legte sich Þorgeir einen ganzen Tag lang unter eine Felldecke, um nachzudenken.
Er sah voraus, dass ein Bürgerkrieg und möglicherweise ein aussichtsloser Krieg mit Norwegen drohten, wenn Island beim Heidentum bliebe. Daher entschied er, dass Island offiziell das Christentum annehmen sollte, während die Heiden ihre alten Götter weiterhin privat verehren durften. Der isländische Spruch wird also verwendet, wenn jemand Zeit braucht, um über eine wichtige Entscheidung nachzudenken – so wie Þorgeir damals unter seiner Felldecke.
Ein weiterer Teil der Geschichte: Als symbolische Geste warf Þorgeir seine heidnischen Götterbilder in einen Wasserfall – ein Zeichen für das Ende der alten nordischen Götter in Island. Der Wasserfall erhielt daraufhin den Namen Godafoss (zu Deutsch: „Wasserfall der Götter“). Du kannst ihn auf dieser privaten Nordisland-Tour besuchen.
Dies sind nur einige der vielen unterhaltsamen und tiefgründigen isländischen Sprichwörter und Redewendungen. Welcher Spruch aus Island gefällt dir am besten? Wird einer davon in deinen täglichen Sprachgebrauch eingehen? Verrate es uns unten in den Kommentaren!

I’m Andri Gunnar Hauksson, a marketing specialist, travel writer, and copywriter from Keflavík who specializes in Icelandic travel, local culture, and destination storytelling. I’m an expert in the Reykjanes Peninsula and passionate about sharing the region’s volcanic landscapes, coastal scenery, hidden spots, and cultural history through engaging and informative content. Now based in downtown Reykjavík, I write about travel, music, culture, and local experiences while helping businesses communicate through clear, effective copywriting and marketing.









